Naturgemäß muss man erst einmal eine solche Geschichte haben. Muss das Gespür dafür haben, dass man eine Story gefunden hat, die es auch verdient, als Geschichte erzählt zu werden. Es dann auch zu tun und erzähltechnisch gut zu tun, ist dann immer noch eine bemerkenswerte Leistung.

Eine Story mit mehreren Ebenen

Marc Brost, Mark Schieritz und Wolfgang Uchatius haben es getan, in der ZEIT Nr. 27 2013. Die Geschichte selbst soll hier nicht nacherzählt werden, es lohnt sich, Inhalte und Art der Darstellung im Original nachzulesen. „Verrechnet!“, so der Beitragstitel, handelt vom Wissenschaftsbetrieb, vom intrikaten Verhältnis von Wissenschaft – in diesem Falle von der Volkswirtschaftslehre –, Politik und Wirklichkeit. „Verrechnet!“ handelt auf der nächsten Ebene von Glaube und Zweifel, von Autoritätsbeweisen und vom Expertentum aus erster, zweiter und dritter Hand und wie das sich als Gott auf tönernen Füßen entpuppt (by the way ein schönes Beispiel für Campbells entsprechende Figurenklasse). 

"„Verrechnet!“ geht voll auf: Ein gelungenes Beispiel journalistischen Storytellings" weiterlesen

Vor kurzem hielt Frank Wilhelmy, seines Zeichens Gegnerbeobachter in Diensten der Bundes-SPD bei einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung einen bemerkenswerten Vortrag zum Thema „negativ campaigning“. (Vortrag und Diskussion gibt es als Video. )

Bemerkenswert in unserem Zusammenhang ist vor allem die Passage, in der Wilhelmy nachdrücklich prognostiziert, zukünftige Wahlkampagnen und Wahlkampfstrategien würden maßgeblich durch „Storytelling“ bestimmt sein. In jedem Wahlkampfteam würden Dramaturgen, Regisseure oder ähnliche Erzähl- und Inszenierungsspezialisten zum festen Bestand gehören, während die Profession des Gegnerbeobachters dann obsolet geworden sein wird.

Es ist wohl mehr als Koinzidenz, dass ich kurze Zeit zuvor von Wahlkampfexperten einer anderen Partei mit ähnlicher Verve auf das Thema „Storytelling“ angesprochen worden bin. Genau wie Wilhelmy berichteten sie davon, dass die Begegnung mit u.s.-amerikanischen Wahlkampfexperten sie davon überzeugt habe, dass „Storytelling“ das kommende Ding in der politischen Kommunikation sei – wie schon im Marketing. Und man darf aus guten Gründen vermuten, dass die gleiche Botschaft auch schon bei anderen Parteien auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

"Sie kommen!!! Storytelling als Wahlkampf-Tool" weiterlesen

In einem  Essay zur NSA, Prism-Affaire und Big Data stellt Frank Schirrmacher in der FAZ u.a. die These auf, die digitale Totalüberwachung unserer Kommunikationen werde in letzter Konsequenz dazu führen, dass unsere Biografien von den Prognosealgorhitmen der Überwacher in Wirtschaft und Staat so konsequent vorauserzählt werden wird, dass ein Entrinnen kaum mehr vorstellbar ist.

Unsere Daten und Datenspuren, so Schirrmacher, würden zu „neuen Lebensnarrativen“ computiert: Der geheimdienstlich-ökonomisch-digitale Komplex, so kann man Schirrmacher lesen, erschaffe „digitale Doppelgänger“, die von den Überwachungs- (und Bestrafungs-)Instanzen letztlich ernster genommen würden als unsere realen Existenzen. „Überwachung als Bestandteil der Informationsgesellschaft… verhindert auch, wie Stephen Baker gezeigt hat, dass die angeblich falschen Leute Kredite bekommen oder Karriere machen. Überwachung in der Gesellschaft der Zukunft ist eine gigantische Risikoeinpreisungsmaschine, die buchstäblich alles bewertet und hochrechnet.“

Die Irrelevantsetzung autobiografischen Erzählens

Aus Sicht der Narratologie findet hier tatsächlich ein fundamentaler Wandel statt: Vom (auto-)biografischen Erzählen als Akt der Re-Organisation von Erlebnissen und Re-Interpretation der eigenen Lebensgeschichte und damit der eigenen Identität, hin zu einem Vorauserzählen des Lebens, einer Prä-Interpretation von Handlungen und Äußerungen, die Identität fremdbestimmt und vor allem: keinen Spielraum für Optionen mehr lässt.

"Schirrmachers Horrorszenario: Von Maschinen erzählt zu werden" weiterlesen

Anfang 2010 schrieb Marty Kaplan einen Artikel, in dem er die These aufstellte, die Demokraten in den USA seien lausige Storyteller, während die Republikaner von Reagan bis Bush sich auf dieses Instrument der (politischen) Kommunikation weitaus besser verstünden und es erfolgreich angewandt hätten.

Die big story, die die Republikaner immer und immer wieder erzählen, geht nach Kaplan im Prinzip so: Früher gab es einen freien Markt. Der Staat ließ die Wirtschaft machen und Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen. Die alten Werte hatten noch Gültigkeit  und die USA beherrschten die Welt. Dann kamen Demokraten an die Regieung, knechteten die Wirtschaft mit staatlichen Vorgaben, zerstörten die amerikanische Lebensart mit Immoralität, fingen an für die Gegner Amerikas zu schwärmen und die eigene Nation schlecht zu reden…

Die Republikaner nutzen den Masterplot der Restauration

Aus meiner Sicht ist das allerdings nur der erste Teil der Story: Der zweite Teil folgt logisch aus dem geschilderten Phasenmodell: Jetzt wird einer kommen, der aufräumt und die Grundordnung wiederherstellt.

"Die Big Story der Republikaner: Eine Restaurationsgeschichte" weiterlesen