Es ist schon bemerkenswert, wie in unserer Kultur die Hartnäckigkeit, mit der an der Berechenbarkeit des Verhaltens komplexer (sozialer) Systeme geglaubt wird, in dem Maße zunimmt, in dem parallel dazu die (wissenschaftliche) Erkenntnis wächst, dass Unberechenbarkeit ein zentrales Merkmal eben jener komplexen (sozialen) Systeme ist. Big Data ist Ausdruck einer verzweifelten Illusion, der Apotheose des mechanistischen Denkens im digitalen Zeitalter, und mancher ahnt, dass das für den Einzelnen und die Gemeinschaft unangenehme Folgen haben könnte.

Eine interessante Hypothese dazu liefert Evgeny Morozov in seiner Kolumne: Big Data, so seine bedenkenswerte Idee, befreit von der Notwendigkeit, die Dinge, Menschen, Systeme verstehen zu müssen, um ihr Verhalten vorherzusagen. Statt dessen werden Daten zu Anzeichen für Muster, von denen man annimmt, dass sie mit einer relevanten Wahrscheinlichkeit mit bestimmten zukünftigen Handlungen (eine bestimmte Partei wählen, ein bestimmtes Produkt kaufen, einen terroristischen Anschlag planen) verknüpft sind.  Morozov spricht in diesem Zusammenhang vom „Ende des Verstehens“: Die Konstruktion und das Aufspüren von Mustern aus einer Unmenge von Daten befreit die Controller hinter den Kulissen und ihre Auftraggeber in den Zentralen von der lästigen Notwendigkeit, die Frage nach dem „Warum“ zu beantworten – und damit auch von der Last, die Geschichte hinter einer bestimmten Tat oder Handlung zu kennen und zu verstehen.

Big Data konstruiert „Identitäten“ ohne Story

Wenn eine Erzählung immer die Beschreibung eines Geschehens mit impliziten Theorien zur Erklärung des Beschriebenen verknüpft und schließlich ausdrücklich oder unausgesprochen bewertet, so schreitet der Algorithmus, welcher Daten zu Mustern computiert sofort zur Bewertung, indem er „Treffer“ liefert.

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Ein wirklich gelungener, geistreicher und gleichzeitig populär gewordener Fall von (filmisch-digitalem) Storytelling ist dieser Spot von Canal+. Und ein wunderbarer Beweis dafür, dass Reichweite nicht durch Plattheit erkauft werden muss. Den Plot und den „Gag“ versteht jeder; die erzählerischen Mittel sind aus narratologischer Sicht fein (und müssen den Zusehern als solche nicht bewusst sein, um ihre Wirkung zu entfalten) – und obendrein wird noch ein Zusatznutzen für Kenner geschaffen. Und das alles in knapp 40 Sekunden. (Zu finden auf You Tube unter dem Stichwort pub canal+ creation original).

Was ist aus Storytelling-Sicht hier geboten: Zunächst einmal ein actiongeladener Auftakt in James Bond Manier. Einstieg (aber nicht: Anfang der Geschichte) in medias res, und es geht gleich um‘s Ganze, das Leben steht auf dem Spiel. Nach ein paar Sekunden aber ist schon klar, das Ganze ist so ernst nicht gemeint, die Handlung steigert sich ins Absurde, Surreale. Die Spannung wird nun nicht mehr primär dadurch aufrechterhalten, dass man sich fragt, was auf der Ebene der Aktion und der Bedrohung als nächstes passiert, sondern dadurch, dass man wissen möchte: Worauf soll das hinauslaufen?

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Wo von „Storytelling“ die Rede ist, da wird gerne auch von „Dekonstruktion“ gesprochen: Frank Wilhelmy hat in der Diskussion zu seinem hier besprochenen Vortrag bei der Heinrich Böll Stiftung in der Diskussion – übrigens grundsätzlich zu Recht – darauf hingewiesen, dass da, wo Storytelling als Kommunikationstool wichtig ist (oder werden wird), die Beobachtung der Storys der Gegner bzw. Konkurrenten und deren „Dekonstruktion“ ebenfalls an Bedeutung gewinnen wird.

„Dekonstruktion“ – ein Placebo-Begriff

Nun scheint mir allerdings „Dekonstruktion“ einer von jenen Begriffen, die von manchen Rednern gerne als Placebos verwendet werden, welche vornehmlich Konsensangebote jenseits der inhaltlich-argumentativen Ebene des Textes darstellen: Verbrüderungsofferten nach dem Modell „Sie-wissen-schon-was-ich-meine-schließlich-sind-wir-alle-schlaue-Kerlchen-nech!“. Falls man seine Zuhörerschaft richtig eingeschätzt hat, fällt das Publikum mehrheitlich gerne drauf rein. Im Ergebnis entsteht ein Wir-Gefühl zwischen Menschen, die nicht aus-gebildet genug sind, als dass sie sich den eigenen Status als Gebildete gegenseitig nicht immer wieder bestätigen müssten.

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In den U.S.A, wo die Storytelling-Diskussion schon etwas länger, schärfer und heftiger tobt als hierzulande, schien es eine zeitlang so, als hätten die Konservativen die Nase vorn. Marty Kaplan attestierte den Demokraten vor drei Jahren, sie seien im Vergleich zu den Republikanern „lausige Storyteller“. Das war damals schon nicht ganz richtig, ist es heute aber noch weniger. Nicht nur Präsident Obama spickt seine Reden mit kleidsamen Anekdoten, die seine Argumente unterstützen, beglaubigen sollen. (Ein fulminantes Beispiel bringt der RhetorikBlog von Hans Hütt, der die Story im Original mitliefert und brillant kommentiert: Und in diesem Fall lohnt es sich auch, die entsprechende Kommentatorendebatte mitzuverfolgen. Unbedingt lesen: A Big Fucking Deal.) In den Stäben der demokratischen u.s.-Regierung wimmelt es heutzutage von Angestellten, die nach passenden Stories fahnden, die sich als Futter für das eignen, was man drüben als „reframing“ bezeichnet.

Allerdings gibt es offenbar unterschiedliche strategische Zugänge von Republikanern und Demokraten zum „Storytelling“ als Mittel der – nehmen wir doch den schönen, bösen Begriff – Propaganda. Sind die Rechten eher Fans der Big Story, die sich aufgrund ihrer ideologischen Petrifiziertheit nicht anders äußern kann als im Restaurationsplot, nutzen die Demokraten offenkundig das Anekdotische, die „kleine Erzählung“, das Erlebnis des einfachen und dann doch wieder herausragenden Individuums als Illustration, Beleg, Induktionsspule im Zusammenhang größerer (und komplexerer) Argumentationen.

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