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Last Mangachena: Storytelling als Erzählung des Angekommen-Seins

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Neulich hat mich ein ehemaliger Seminarteilnehmer auf ein Video aufmerksam gemacht, das er intuitiv als Beispiel für gelungenes Storytelling empfand, und ich stimme nach mehrmaligem Anschauen ausdrücklich zu und spiegele den Film gern auf dem Storytelling- Blog.

Dabei wird im dem Video auf den ersten Blick überhaupt keine Geschichte erzählt: Faktisch spricht jemand hier erst einmal über sich selbst, seine Arbeit, seine Einstellung zum Leben, zur Natur, zum Beruf. Und dazu gibt es scheinbar unspektakuläre (aber sorgfältig inszenierte, professionell gefilmte) Schwarzweißbilder, die den Sprecher zeigen wie er spricht, wie er Dinge tut, über die er spricht und die die Umgebung zeigen, in der er lebt und arbeitet. Der Film endet mit der Einblendung eines Zitates von Nelson Mandela.

Gutes Storytelling braucht die Geschichte nicht notwendig zu explizieren

Die „Story“ um die es in dem Film (auch) geht, ist dabei mehrheitlich implizit präsent: Last Mangachena stellt sich am Anfang als offiziell anerkannten Flüchtling aus Zimbabwe – und von dieser Information ausgehend versteht man, dass der Film sozusagen den Endzustand einer in weiten Teilen dramatischen und schmerzvollen Geschichte darstellt, die nun aber zu einem guten Ende gekommen ist. Die vollständige Story bleibt also weitgehend unausgesprochen, man muss sie sich in Grundzügen erschließen – und kann das umso ausführlicher, je mehr Wissen über die Geschichte der Region hat. Die Funktion dieser „Nullposition“ ist aber offenbar die, den jetzigen Zustand relevant zu setzten: Das, was sich mittlerweile entwickelt hat, was erreicht wurde und damit auch die dargestellten heute geltenden (politischen, ökonomischen etc.) „Philosophien“ sind wichtig und stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit – und eben nicht das Vergangene.

Das „Davor“ – die Umstände und Erlebnisse, die zur Flucht führten – wird nur angedeutet und vorausgesetzt; das „Dann“ und „Jetzt“ ist entscheidend. Innerhalb der präsupponierten Geschichte macht Mangachena dann ein weiteres „Davor“ und „Danach“ auf, wenn er auf die verschiedenen Stufen seiner beruflichen Entwicklung zu sprechen kommt: Und wieder wird damit die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, was der autobiografische Erzähler und „Held“ des Films jetzt erreicht hat und welche Haltung er jetzt einnimmt. Und wenn man die Worte hört, die die Macher des Films ausgewählt haben, dann ist die Aussage ganz klar: Last Mangachena ist, nach Flucht und Aufnahme in Südafrika, in diesem Land und in dem gezeigten Umfeld angekommen, hat hier eine neue Heimat gefunden und ist – ein Philosoph geworden.

Der Film ist auf You Tube hochgeladen und stammt von einer Website, die über südafrikanische Weine und allgemein den Weinbau in Südafrika informiert, und offensichtlich in diesem Zusammenhang etwas wie eine „Sympathiemarke“ aufbaut. Das „Mangachena“-Video steht dabei in einer ganzen Reihe ähnlicher dokumentarischer Kurzfilme, die unter dem Obertitel „The democracy series“ zusammengefasst sind.

Verknüpfung von biografischer Story und politischer Geschichte

In diesem Kontext wird deutlich, dass hier also nicht nur eine Story – die biografische Geschichte des Last Mangachena – impliziert wird, sondern dass diese individuelle Story in den größeren Kontext der jüngeren Geschichte Südafrikas eingebettet ist und auf sie verweist (wie es ja auch das Mandela-Zitat am Ende des Films bereits tut). Und auch hier ist das Prinzip offensichtlich wieder: Wir zitieren die Vergangenheit nur an, um den Kontrast zum Heute deutlich werden zu lassen. Darzustellen, was der historische Wandel hervorgebracht hat, steht im Zentrum der Kommunikation, die die ganze Serie als Botschaft verbreitet: Seht her, wir haben uns von der Last der Apartheids-Vergangenheit befreit und sind eine Demokratie geworden.

Das alles ist, wie die Storytelling-Strategie des Mangachena-Videos verdeutlicht, durchaus subtil, sehr implizit, setzt relativ viel voraus: Offenbar wendet sich die Site gezielt an eine eher gebildete, nicht nur kulinarisch-vinologisch, sondern gleichzeitig auch politisch und ökologisch interessierte Zielgruppe.

Dezent, aber durchaus wirkungsvoll, werden dabei Informationen aus ganz unterschiedlichen Sphären miteinander verknüpft: So lernt man gleichzeitig, dass Südafrika – als demokratischer Staat – Immigranten aufnimmt und integriert und dass es auch am Kap Weingüter gibt, die nicht nur ökologischen Weinbau betreiben sondern auch Menschen wie Last Mangachena eine Chance und eine neue Heimat bieten: Der Name desjenigen, auf dem Last Mangachena arbeitet, wird im Film mit einem Schwenk auf ein Wirtschaftgebäude wie zufällig ins Bild gesetzt. (Ob die vorgeführte Idylle als repräsentativ für die südafrikanische Weinwirtschaft gelten kann, sei einmal dahingestellt: Jedenfalls schafft das Video ein positives Bild und weckt Interesse an der Region und ihren Modellen.)

Porträts von Personen kommen nicht ohne biografische Elemente aus und Biografien sind zwangsläufig in historische Kontexte eingebettet. Unser Beispiel macht aber deutlich, wie groß die Bandbreite der möglichen Abstufungen an Bezugnahmen sein kann, wie stark man mit dem Wissen oder der Neugier potenzieller Rezipienten arbeiten kann. Und es zeigt schön, wie unterschiedlich man auf Anfang, Ereignis oder Ende einer Geschichte fokussieren kann, je nachdem, welche Botschaft man kommunizieren möchte.

Was der kurze Film über Last Mangachena aber vor allem verdeutlicht: Man braucht eben, wenn man so kommunizieren möchte, vor allem interessante, starke, authentische Typen, wie den Philosophon Mangachena.

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