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Erzählen im Paradies II: Gegengeschichte und Empathie

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Die Anklage reklamiert die „wahre Geschichte“ für sich

Die Erzählung als „Ausrede“ im Sinne Breithaupts muss tatsächlich eine abweichende Realitätskonstruktion entwerfen: Die Story des Anklägers – der für sich das Monopol auf die „wahre“ Geschichte beansprucht – konfrontiert der Betroffene mit einer Gegengeschichte, die entweder die Welt grundsätzlich anders konstruiert (indem sie etwa Lücken in der Story-Welt des Anklägers auffüllt), oder die Kausalitäten, Motive, Interessen der handelnden Personen anders darstellt und bewertet. Wie auch immer: Die Gegen-Geschichte der „Ausrede“ fordert die Realitätskonstruktion der Anklage heraus und konfrontiert sie (und damit alle Zuhörer) mit der Tatsache, dass man die Welt (und die Akteure in ihr) auch anders, unter Umständen sogar fundamental anders sehen kann. (Interessanter Weise hat bereits Jérôme Bruner in „Actual minds, possible worlds“ anhand der angelsächsischen Rechtsgeschichte das Wechselspiel zwischen Anklage und Verteidigung als ein Gefecht mit dem Florett von Erzählung und Gegenerzählung analysiert.)

Die Narration und das narrative Denken also sind es, die uns die Welt als eine erkennen lassen, die voller Varianten steckt, voller Optionen und Möglichkeiten und die als Voraussetzung dafür dienen, dass die Sozialwelt eine diskursive Welt ist und bleibt.

Damit die Gegengeschichte des Erfinders anderer Welten und anderer Perspektiven tatsächlich auch als „Ausrede“ (also als eine Geschichte, mit der der Erzähler sein Recht gegen die etablierte Ordnung behaupten kann) funktionieren kann, muss der Erzähler bei seinen Zuhörern Empathie voraussetzen können – und selbst über Empathiefähigkeit verfügen (wie sonst sollte er etwas erfinden können, von dem er annehmen kann, dass andere die Perspektive seiner Figuren teilen können?). Ohne Empathie, das betont auch Breithaupt, ist Erzählen nicht denkbar: Erst sie erlaubt es uns, die Perspektive erzählter Anderer, einzunehmen, ihre Dilemmata nachzuempfinden und Gefühle selbst für fiktive Figuren zu entwickeln – etwas, was wir offenbar so gerne tun, dass wir uns immer und immer wieder auf Geschichten einlassen.

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