Digital Storytelling am Beispiel eines Werbespots von Canal Plus

Kategorien Storytelling Basics, Storytelling-Diskurs

Ein wirklich gelungener, geistreicher und gleichzeitig populär gewordener Fall von (filmisch-digitalem) Storytelling ist dieser Spot von Canal+. Und ein wunderbarer Beweis dafür, dass Reichweite nicht durch Plattheit erkauft werden muss. Den Plot und den „Gag“ versteht jeder; die erzählerischen Mittel sind aus narratologischer Sicht fein (und müssen den Zusehern als solche nicht bewusst sein, um ihre Wirkung zu entfalten) – und obendrein wird noch ein Zusatznutzen für Kenner geschaffen. Und das alles in knapp 40 Sekunden. (Zu finden auf You Tube unter dem Stichwort pub canal+ creation original).

Was ist aus Storytelling-Sicht hier geboten: Zunächst einmal ein actiongeladener Auftakt in James Bond Manier. Einstieg (aber nicht: Anfang der Geschichte) in medias res, und es geht gleich um‘s Ganze, das Leben steht auf dem Spiel. Nach ein paar Sekunden aber ist schon klar, das Ganze ist so ernst nicht gemeint, die Handlung steigert sich ins Absurde, Surreale. Die Spannung wird nun nicht mehr primär dadurch aufrechterhalten, dass man sich fragt, was auf der Ebene der Aktion und der Bedrohung als nächstes passiert, sondern dadurch, dass man wissen möchte: Worauf soll das hinauslaufen?

Verschachtelung von Rahmen- und Binnenerzählung als Mittel, „Storytelling“ selbst zum Thema zu machen

Die überraschende Antwort liefert dann der Schnitt auf den Schrank. Damit wird die gesamte Erzählstruktur erst klar: Hier erzählt einer eine Binnengeschichte, die erklären soll, wie man(n) in den Schlafzimmerschrank geraten ist. Beide Storys, Rahmen- wie Binnenerzählung, haben dabei massive Nullpositionen, die den Beginn der jeweiligen Geschichte betreffen: Was zu der irrsinnigen Verfolgunsjagd der Erzählererzählung geführt hat bleibt ebenso offen wie die Geschichte der Affaire, die ihren vorläufigen Abschluss im Schrank findet. Sie aufzufüllen bleibt einem Publikum überlassen, von dem der Text insgesamt (also der Werbespot selbst) impliziert, dass es diese Auffüllungen perfekt (und nach persönlichen Vorlieben) selbst leisten kann, weil es hinreichende Textkenntnis entsprechender Narrationen – aus dem Actiongenre, aus dem Liebesfilm – besitzt. Diese Implikation ergibt sich aus der Erzählstruktur des Spots selbst und vor allem aus der Fülle unkommentierter Filmzitate, die er liefert: von Bond über Indiana Jones bis hin zu Kill Bill. Von Anfang an wird hier augenzwinkerndes Einverständnis unter Kennern signalisiert.

Zitation, Nullpositionen, Zeitsprünge, der Match Cut auf den Schrank mit der überraschenden Wendung, die in eine Situation des Erzählens überführt, machen deutlich, dass es hier insgesamt um eines geht: um Storytelling, um die Kraft des Erzählens, die sich dann entfaltet, wenn jemand es berherrscht. Und natürlich (wir sind schließlich in Frankreich) wird durch die Situation auch zusätzliches kulturelles Wissen abgerufen, das nicht unmittelbar aus Film und Fernsehen stammt: Der Erzähler erzählt eine Geschichte, genau wie einst Sheherazade in 1001 Nacht: Im Boudoire und um die eigene Haut (und um den Ruf der betroffenen Dame) zu retten.

Nicht nur der Inhalt, auch die Struktur dient der Botschaft

Dabei sind es gerade die Absurdität der Situation und die Surrealität der erzählten Binnengeschichte, die die Funktion haben, auf das WIE des Erzählens zu fokussieren – und das WIE dient wiederum der Thematisierung des Erzählens selbst: Wenn es einer kann (so wie unser Autor von Canal+), so der Spot, dann wirkt auch das Unwahrscheinlichste bannend und überzeugend. Und auf der Metaebene liefert der Text den Beweis gleich mit, indem er in wenigen Sekunden viele Register zieht, auf der Ebene des discours alles ordentlich durcheinanderwirbelt, nach guter alter Hitchcock-Tradition den Helden in der Not genau mit den Mitteln agieren lässt, die ihm individuell zur Verfügung stehen (ein Drehbuchautor rettet sich eben durchs Erzählen), eine komplexe Erzählsituation schafft, durch die Doppelung der Erzählinstanz sein Thema „Storytelling“ nochmals verstärkt, handwerklich (Perspektiven, Tricks, Stunts, Ton) perfekt arbeitet – und durch all das auch die Intelligenz seines Publikums ehrt.

Alles, jede erzählte Sequenz, jeder handwerkliche „Trick“, die Konstruktion der Geschichte, die Auslassungen, die Merkmale des Helden, ist hier funktionalisiert und dient der Semantisierung, der Erzeugung der zentralen Botschaft, die dann auch nicht mehr expliziert werden muss: „Wir können gut, spannend, überzeugend, dicht, fesselnd und professionell erzählen!“

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